Tagebuch - Ungarn 1999
 

 


Da waren wir wieder, nachts um vier, versammelt um unseren treuen Busfahrer Janosch, bereit, uns tapfer sämtlichen Gefahren der Straße zu stellen.
Greifensteine hieß unser erstes Ziel. Dort war eine entzückende Felsen-Wald-und-Wiesen-Märchenkulisse und es machte gar nichts, daß alles bloß aus Pappmache' war. Es gab sogar Leute, die auf den Felsen herumkletterten, so täuschend echt sahen sie aus.
Euter-Kalle, Ex-Titten-Karl, ExEx-Dr.TB, ExExEx-KMN, machte schon in den ersten Minuten nach unserer Ankunft seinem neuen Namen alle Ehre, mit der Folge, daß man sich in den nächsten Stunden besser davor hütete, bestimmte Bereiche des Geländes zu betreten. Über nähere Details schweigt die Pietät.
Es waren unendlich viele nette, betrunkene Menschen da und demzufolge wurde es ein grandioses Konzert und ein grandioser Tourbeginn, auch wenn unser aller Vadda leider verletzt und einbeinig unterwegs war, weil er irgendwann irgendwo von irgendeiner zu hohen Bühne gehüpft war. 
Gottseidank fand sich eine samtgepolsterte Sänfte mit zwei hübschen unbekleideten Krankenschwestern an jedem Ende, die ihn für den Rest der Tour sanft schaukelnd und japanische Lieder summend versorgten und über jedes noch so unwegsame Gelände transportierten.

Wir verließen die Wald-und Wiesenbühne noch vor dem Morgengrauen auf allen Vieren, nachdem wir vergeblich versucht hatten, die Marmordusche und all die Kristallspiegel auszubauen, um damit unseren Bus auszustatten, denn wir wußten, daß ab sofort die Zeiten halbwegs frischer Luft im Bus vorbei sein würden, denn für die nächsten Tage gab es keine Duschgelegenheit.( Wie sich später herausstellte, hatte Jan bei einem Wettbewerb des Vereins für sinnvolle Sparmaßnahmen einen Gutschein im Wert von drei wasserfreien Tagen gewonnen, den er in einem Anfall von Liebe gleich der Allgemeinheit gespendet hatte.).
Der liebenswerte und auch durchaus aphrodisierende Duft  unserer Ausdünstungen fing auch sogleich an, sich auszubreiten und in alle Ecken, Aschenbecher und Betten zu kriechen.
Janosch zog einmal tief das umherschwirrende Luftgemisch durch die Nüstern und stürzte sich mit neuem Schwung auf die Straßen. 
Wir tranken alle wieder nur Milchmixgetränke mit Bananengeschmack und es sollte die allerlängste Fahrt und fast Janoschs Meisterstück werden. Püppi verschwand irgendwann aus dem Rückspiegel, weil sie Handstand ohne Hände versuchte und danach sah sie dermaßen verprügelt aus, daß sie ins Bett gesteckt wurde. Possi tanzte um irgendwelche überdimensionalen Bügeleisen und hielt auch dann noch lautstarke Reden, als längst alle schliefen.
An der ungarischen Grenze war Janosch immerhin geistesgegenwärtig genug, mal kurz zwischendurch die Augen aufzumachen und sich aus einem Traum von schwäbischen Maultaschen zu reißen. Trotzdem war er nicht vertrauenerweckend genug oder aber Titus' Ausweis erinnerte zu verdächtig an einen international gesuchten Kuhschänder, denn ein gieriger abgebrochener Zöllner drang gewaltsam ein und bekam ein Problem mit Nils' Socken, die in der Gegend herumstanden.
Nils wurde davon wach und hatte sofort eine Erleuchtung. Folgende Worte purzelten aus seinem Mund und besänftigten sogar den Zöllner: —Die fahrende Nervenheilanstalt auf Tour. Vorn sitzen drei Reihen und gucken Fernsehen und hinten fickt ein kleiner Italiener 'ne Patientin!—
Dann schlief er wieder ein und die unumstößliche Wahrheit war für immer ausgesprochen.
Der Zöllner nickte verständnis-sinnig und ließ uns in das Land, wo Paprikaschoten an den Bäumen wachsen, die Gulaschkanone erfunden wurde und feurige Zigeuner neben Trabis am Straßenrand stehen und Schilder schwenken, die kein Mensch lesen kann. Das tun sie schon seit Jahrhunderten, auch als sie noch auf Pferden reiten mußten. 
Sonnenblumenfelder, köstliches Himbeereis und eine traumhafte Landschaft versprachen eine paradiesische Zeit, aber leider war das alles nur von den ersten drei Reihen aus zu sehen, weil alles so miniaturartig klein war, daß man es hinten im Bus auch mit Brille beim besten Willen nicht erkennen konnte.
Aber das war letztendlich alles nicht so schlimm, denn irgendwann geht jeder lange Tag und jede Autofahrt zuende, und als Janosch am Steuer die Augen aufschlug, wußten wir, daß wir unser Ziel erreicht hatten.
Eine wunderschöne Burgruine nach Art eines riesigen hohlen Zahns erwartete uns, um uns zu verschlingen. Wir fühlten uns gleich zuhause, obwohl wir kein Wort verstanden, aber das geht uns ja überall so. Gottseidank nahm uns eine mal wirklich reizende Sue als Dolmetscherin unter ihre Fittiche. Man nennt sie auch die weise fröhliche Frau des Kalaka-Festivals, aber nur in Indianerkreisen und die gehören ja nun wirklich in einen anderen Erdteil.
In Ungarn weiß die Jugend auch Folklore noch zu schätzen, da ging die Luzie ab, wie keine amerikanische Country- und Western-Combo es jemals geschafft hätte. Aber obwohl unsere folkloristischen Zeiten ja nun auch der Vergangenheit angehören, waren die Ungaren nicht sauer oder allzu wählerisch. Sie waren schwer begeistert, fast ebenso, wie von der Alkoholikerfamilie, die nach uns kam und mit unbewegten Gesichtern in Zimmerlautstärke irgendetwas zum besten gaben, was mit ein bißchen gutem Willen an das Weihnachtsvorspiel eines Vorschulkindes auf der Blockflöte erinnerte.
In dieser Nacht sollten und konnten wir nicht mehr weiterfahren. Also beschlossen wir, uns zu integrieren und die deutsch-ungarische Völkerfreundschaft zu vertiefen.
Wir folgten dem Irrlicht mit der blauen schmierigen Mülltüte in der Hand, das uns mit spanisch-ungarischem Wortgemisch umtanzte und landeten in einer Non-Stop-Pinte, vor der die ganze örtliche Jugend auf der Straße saß. Wir hatten die Taschen voll Forynth, die wir allerdings ehrlich durch den Verkauf von Tonträgern aller Art erworben hatten und da keiner von uns der Mathematik im Zahlenbereich über zehn allzu mächtig ist, aber in Ungarn ja nichts wirklich teuer sein soll, kauften wir Schnaps, Bier und Wein, soviel uns schmeckte. Und Kostverächter sind wir ja nun wahrlich nicht. Deutung als berühmter Cola-Gourmet freundete sich sehr schnell mit dem Irrlicht an und ward bis morgens um sechs nicht mehr gesehen.
Der Rest unserer lustigen Truppe versammelte sich im Rinnstein. Und wir entdeckten das eigentliche ungarische Nationalgetränk: Volmos Körte, eine Art flüssiger Klebstoff mit leichtem Birnenaroma.
Possi übte mit seinen neuen ungarischen Freunden, Bierflaschen mit dem Feuerzeug zu öffnen, Robert bezauberte jeden und jede mit Anekdoten aus unserem Leben, Püppi verliebte sich in eine ungarische Lesbe und unser bester Dr. Tinitus Banani, der große Euter-Kalle, wurde aus mindestens drei Gründen zum Star des Abends, zum neuen ungarischen Nationalhelden, der in den dortigen Geschichtsbüchern ab sofort eine Doppelseite eingeräumt bekommt. Nicht nur, daß er freimütig allen Anwesenden Schnaps und Bier aufzwang, nicht nur, daß er den Mut bewies, sich der dicken Mama entgegenzustellen, die gegenüber wohnte und um ihre Nachtruhe zeterte, nicht nur, daß er der Polizei, die im unauffälligen roten Auto vorfuhr und um Ruhe bat, einen großzügig bemessenen Schnaps auf die Kühlerhaube stellte, nein, er verschenkte die gesamten Überreste unserer Barschaft als wahrer Finanzminister der Band an einen Obdachlosen, mit dem er aufgrund einer gewissen Seelenverwandtschaft ins Gespräch gekommen war. Dieser verschwand ,aus verständlichen Gründen, sofort.
Später hat uns einer, der rechnen konnte, erzählt, daß es ziemlich genau 333, 33 DM gewesen waren und das machte das ganze noch großartiger. Euter-Kalle bekam zum Lohn Stubenarrest und den Befehl, Nr. 7, den Teil seiner Persönlichkeit, der für solche Taten zuständig ist, in Ehren zu entlassen. Aber Nr. 7 wollte nicht gehen und ließ sich nicht mal mit einer roten Rose ködern, die Deutung ihm zum Abschied schenkte, was aber eigentlich klar war. Das einzige, was Nr. 7 wirklich gefreut hätte, wäre noch eine Flasche Volmos Körte gewesen, und da er die ja vom Dr. immer liebevoll zugeführt bekam, gab es keinen Grund für ihn, abzuhauen. 
Und so kam Nr. 7 auch noch am nächsten Tag mit nach Eger. Der Gestank im Bus war inzwischen auf dem Niveau einer Bio-Mülltonne im Hochsommer, aber daran gewöhnt man sich.
In Eger sollte es Millionen schöner Weinkeller geben, wie Possi uns versicherte.
Einen haben wir dann auch nach fünfstündiger Wanderung gefunden.
Euter-Kalles Schuh hatte inzwischen seine Sohle verloren und uns fielen keine lustigen Wanderlieder mehr ein. Wir hatten zum zehnten Mal "Mein kleiner grüner Kaktus" auf finnisch gesungen, da purzelten Robert, Herr Jeh, Deutung und Possi in ein Kellerloch, aus dem es muffig roch und wurden erst Stunden später wieder gesehen. Wir machten uns aber keine Sorgen, denn ein kleines Hutzelmännchen am Kellereingang grinste uns vertrauenerweckend an und winkte mit einer verstaubten Weinflasche.
Der Rest unserer lustigen Wandertruppe landete in einer Art Biergarten, wo es eine Band mit Kontrabaß gab, Bier und gottseidank auch "Volmos Körte". 
All diese Faktoren zusammengeworfen und kurz geschüttelt, ergaben, daß die Geiger der örtlichen Combo uns direkt in die Ohren geigten, weil Püppi ihnen zeigte, daß sie sie toll fand und ihnen dauernd Kußhände zuwarf, bis sie zu allem Überfluß auch noch auf dem Tisch tanzte und Robert plötzlich wieder auftauchte und sich samt seiner Geige einfach dazustellte. Eigentlich merkte keiner, daß er kein ungarischer Kneipengeiger war.
Am Nachbartisch saß Alfred Biolek nach seiner Geschlechtsumwandlung.
Nr. 7 war äußerst anwesend und zertrümmerte all seine Schnapsgläser, nachdem Püppi sie heimlich ausgetrunken hatte, was zur Folge hatte, daß sie den Rest des Abend mit dem Kopf auf dem Tisch  lag und vor sich hinbrabbelte.
Wir kamen irgendwie auch alle wieder in unseren Bus und weiter ging´s nach Österreich.
Dort hatten wir einen freien Tag und freie Tage sind Privatsache und gehören nicht in ein Tourtagebuch. Es sei aber verraten, daß wir gewaschen weiter nach Freiburg fuhren.
Als wir dort ankamen , wartete schon ein Hund auf uns und führte uns in ein luxuriöses Zelt, das prompt unter einer tonnenschweren Regenwasserlast über uns zusammenbrach.
Nils nutzte das Ende unserer Sauberkeit - denn entgegen aller Gerüchte wäscht Regenwasser einen nicht sauber - und legte Robert gleich für ein Foto in den Schlamm, während die anderen dumm um ihn rumstehen mußten. Keiner beneidete Robert wirklich. Nils bewährte sich an diesem Tag im übrigen noch zusätzlich als Merchandising-Profi, so daß wir ernstlich überlegten, das Duo Nils und Püppi leihweise in eine Kuriositätensammlung zu geben. Aber erstens konnten sie sich nicht einigen, ob sie Nippi oder Püls heißen sollten und zweitens hätten wir eigentlich alle mitgemußt und wer hätte dann noch Musik machen sollen? 
Also ließen wir die beiden weiter Leute belästigen und gaben uns dem großen Vergnügen hin, Tito und Tarantula kennenzulernen. Die Jungs waren gnadenlos guter Laune und die Brücke der Freundschaft war in Windeseile errichtet. Wir blieben, bis wir mit Staubsaugern vertrieben wurden  und fuhren um viel Geld ärmer, aber viele neue Sprachen, Freunde und Dreckkrusten reicher zurück nach Berlin, wo uns natürlich niemand erwartete, denn Musiker sind ja einsame Menschen.